Wenn meine Familie Gänse schlachtete, konnte ich ihr unberührtes Bei-sich-sein beim Töten der Tiere nicht fassen. Noch heute ist mir ihre gute Laune gegenwärtig, auch die Lust bei der eingefleischten Handhabung, der Plauderton ihrer Unterhaltung. Später rekonstruierte ich mein kindliches Empfinden in einem Bild, das wie ein Splitter in  mein  Harmoniebedürfnis  eindrang. Wie ich meiner Wahrnehmung Kontur verlieh, schien mir einerseits ungehörig, anderseits  kam ich nicht mehr umhin, die Doppelbödigkeit in der Wertung allen Daseins nicht nur zu akzeptieren, sondern als den eigentlichen Zugang zum künstlerischen Gebrauch meiner Phantasie zu öffnen. Ich war irritiert. Dass ich daraus kein Geheimnis machen wollte, war für mich ein Signal, dass es mit meiner Malerei ernst wurde.

Die Jahre meines Krankseins und der erfahrenen Todesnähe betrachte ich im Nachhinein als eine aufgezwungene Herausforderung, meine angestaute Bilderwelt aus ihren Verstecken zu holen. In meiner beruflichen Tätigkeit als Verlagslektorin war mein Mühen um künstlerischen Ausdruck eine Dienstleistung am geschriebenen Wort. Mein Ureigenstes konnte ich im bildhaften Denken herumschaukeln, aber im Schaffensprozess nicht befriedigend ausleben. Die Abkehr von der Stadt und meiner dort investierten Lohnarbeit empfand ich als eine Reinigung. Zurück zur Natur pries ich ihre Schönheit auf der Leinwand und konnte mir und anderen Freude bereiten. Meine Seele gesundete, mein Handwerk vervollkommnete sich, ich glaubte mich in meinen Bildern zu erkennen. Es war eine Verschnaufpause.

Nun bin ich alt, schon lange habe ich den Fluss Styx überquert und kommuniziere mit den Schatten. Ihre Bedrohungen kann ich aushalten. Meine Träume sichtbar zu machen, sie bildhaft auszugestalten, dem gehe ich mehr und mehr nach. Es ist eine Reise im Ungewissen. Wie aufregend, wenn sich verschiedene Bilder miteinander verschmelzen und die eben noch geordnet anmutenden Dinge sich in gänzlich neuen Beziehungen mitteilen... Um den Preis, dass auf meiner letzten Reise die Abenteuer meines Erkennens nicht abhanden kommen, bin ich bereit, mich auf das Unerwartete meines Ichs einzulassen.